Der Sechsfachmord von Hinterkaifeck
Jahr
1922
Ort
Hinterkaifeck bei Gröbern, Oberbayern
Land
Deutschland
Status
Ungeklärt
Opfer
Andreas Gruber, Cäzilia Gruber, Viktoria Gabriel, Cäzilia Gabriel, Josef Gruber, Maria Baumgartner
Fallbeschreibung
Hinterkaifeck ist kein Dorf — es ist ein einzelner Einödhof, abgelegen im oberbayerischen Hügelland zwischen Ingolstadt und Schrobenhausen. Im Frühjahr 1922 leben dort sechs Menschen: der Bauer Andreas Gruber, 63, und seine Frau Cäzilia, 72. Ihre Tochter Viktoria Gabriel, 35, eine Witwe, deren Ehemann Karl im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Viktorias sieben Jahre alte Tochter Cäzilia, genannt Cilli. Der zweijährige Josef, dessen Vaterschaft ungeklärt ist. Und Maria Baumgartner, 44, die erst einen Tag zuvor als neue Magd auf den Hof gezogen ist — ihr erstes und letztes Arbeitsverhältnis in Hinterkaifeck.
In den Wochen vor der Tat mehren sich seltsame Vorfälle auf dem Hof. Andreas Gruber berichtet, er habe fremde Fußspuren im Schnee entdeckt, die vom Waldrand zum Hof führten — aber nicht wieder zurück. Das Schloss des Motorenhäuschens wurde aufgebrochen, in der Futterkammer gibt es Einbruchspuren. Im Dachboden liegen Zeitungen aus München, die niemand auf den Hof gebracht haben will. Und die frühere Magd hatte den Hof Monate zuvor mit der Begründung verlassen, es sei dort nicht geheuer — zu viele merkwürdige Geräusche nachts. Gruber spricht mit Nachbarn über die Vorfälle, unternimmt aber nichts weiter.
Am Abend des 31. März 1922 schlägt der Täter zu. Der genaue Tathergang lässt sich nicht mehr vollständig rekonstruieren, doch die Auffindesituation legt nahe: Zunächst werden Andreas, Cäzilia und Viktoria Gruber sowie die kleine Cilli nacheinander in die Scheune gelockt oder dorthin getrieben und mit einer schweren Reuthaue — einem landwirtschaftlichen Werkzeug vom Hof selbst — erschlagen. Dann tötet der Mörder Maria Baumgartner und das Kleinkind Josef in ihren Betten. Cilli wurde bis zu zehnmal getroffen; die Obduktion ergibt, dass sie noch eine Zeit lang gelebt hat, nachdem die erste Schlag sie getroffen hat — das Grausamste an einem durch und durch grausamen Verbrechen.
Was danach geschieht, ist das Beunruhigendste am Fall Hinterkaifeck: Der Täter bleibt. Tagelang. Ein Handwerker, der in jener Nacht zufällig vorbeifährt, bemerkt Licht im Backofen. Jemand kocht. In den folgenden Tagen werden das Vieh gefüttert, die Mahlzeiten der Familie verzehrt. Der Postbote findet am Ostermontag noch Post vom Wochenende, die er bereits dagelassen hatte. Hausierer klopfen an die Tür, niemand öffnet. Erst am 4. April — vier Tage nach der Tat — bemerkt der Monteur Albert Hofer, dass alle Türen von innen verriegelt sind. Er informiert den Ortsvorsteher Lorenz Schlittenbauer. Gemeinsam betreten mehrere Männer die Scheune und finden die Leichen unter einer Schicht Heu. Die Polizei wird gerufen, aber wichtige Spuren sind bereits zerstört.
Die Ermittlungen von 1922 sind eine Abfolge von Versäumnissen. Bis zum 1. Mai werden 65 Personen vorläufig festgenommen, keiner kann überführt werden. 100.000 Mark Belohnung werden ausgelobt. Spiritistische Sitzungen mit den Schädeln der Opfer werden durchgeführt — ohne Ergebnis. Der zuständige Ermittler Oberinspektor Reingruber arbeitet bis zu seiner Pensionierung 1930 an dem Fall. Sein Nachfolger übernimmt die Akten bis 1955. Mehr als hundert Verdächtige werden im Laufe der Jahrzehnte geprüft.
Bis heute kristallisieren sich zwei Hauptverdächtige heraus. Lorenz Schlittenbauer, Ortsvorsteher und Nachbar, hatte eine Beziehung zu Viktoria Gabriel und hat die Vaterschaft des kleinen Josef zeitweilig anerkannt — aber auch bestritten. Andreas Gruber hatte seiner Tochter Viktoria eine Heirat mit Schlittenbauer verboten. Gruber war 1915 wegen Inzest mit Viktoria zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt worden. Das Motiv eines verletzten Mannes, dem Gruber die Heirat verweigerte, gilt als einer der plausibelsten Ansätze. Gegen Schlittenbauer spricht: Er war Asthmatiker und war es, der die Männer zur Tatortbesichtigung führte — ein ungewöhnliches Verhalten für einen Schuldigen. Die zweite Theorie verweist auf Karl Gabriel — Viktorias angeblich gefallenen Ehemann. Einige wollen ihn Jahrzehnte später gesehen haben. Seine Todesbescheinigung ist vorhanden, die Gerüchte halten sich dennoch.
1923 reißt Karl Gabriels Vater den Hof ab — beim Abriss wird die Reuthaue als Tatwaffe hinter einem Wandverschlag gefunden. Heute ist dort Ackerland. Ein schlichtes Marterl, rund 150 Meter vom ursprünglichen Hofstandort entfernt, erinnert an die sechs Toten. Der Fall Hinterkaifeck ist seit über 100 Jahren ungeklärt — und wird es aller Wahrscheinlichkeit nach für immer bleiben.
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Quellen
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Zuletzt aktualisiert: 18.07.26