Verschwunden im Schatten des Vatikans – Der Fall Emanuela Orlandi
Corso del Rinascimento nahe Palazzo Madama, Rom · Italien / Vatikan · 1983
Fallbeschreibung
Emanuela Orlandi wurde am 14. Januar 1968 geboren und wuchs als viertes von fünf Kindern mitten in der Vatikanstadt auf; ihr Vater Ercole arbeitete als Laienangestellter im päpstlichen Haushalt. Am Nachmittag des 22. Juni 1983 verließ die 15-Jährige die Wohnung, um an der Scuola di musica Tommaso Ludovico da Victoria an der Piazza Sant’Apollinare in Rom ihre Flötenstunde zu nehmen. Gegen 19:30 Uhr wurde sie zuletzt an einer Bushaltestelle am Corso del Rinascimento neben dem Palazzo Madama gesehen, in Begleitung eines nie identifizierten Mädchens. Kurz zuvor hatte sie ihrer Schwester telefonisch von einem Nebenjob-Angebot erzählt: Ein Mann habe ihr gutes Geld dafür geboten, Werbezettel für Kosmetik der Marke Avon zu verteilen.
Schon Tage später meldeten sich anonyme Anrufer, die Details aus Emanuelas Leben kannten. Ab dem 5. Juli 1983 verlangte ein Anrufer mit amerikanischem Akzent – in den Akten „der Amerikaner“ – in 16 Telefonaten die Freilassung von Mehmet Ali Ağca, dem Attentäter von Papst Johannes Paul II., der am 3. Juli selbst öffentlich an die Entführer appelliert hatte. Einen Lebensbeweis legte nie jemand vor. 1997 stufte die erste Ermittlung die Terrorismusspur als gezielte Ablenkung ein.
Seither wechselten die Theorien: eine Verbindung zur Banda della Magliana um Enrico De Pedis, dessen Grab 2012 geöffnet wurde; Vorwürfe gegen kirchliche Kreise; die Spur zu dem Fotografen Marco Accetti, dessen Stimme laut einem Gutachten von 2024 zu 86 Prozent mit den Anruferaufnahmen übereinstimmt und gegen den inzwischen formell ermittelt wird. 2019 ließ der Vatikan zwei Gräber auf dem Teutonischen Friedhof öffnen – ohne Ergebnis. Am 9. Januar 2023 eröffnete der Vatikan unter Chefankläger Alessandro Diddi (Promotore di giustizia) erstmals ein eigenes Verfahren; die Staatsanwaltschaft Rom zog am 15. Mai 2023 mit einer dritten Ermittlung nach. Der italienische Senat billigte am 27. Juni 2023 einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu Emanuela Orlandi und der sechs Wochen zuvor, am 7. Mai 1983, verschwundenen Mirella Gregori; konstituiert hat er sich allerdings erst im März 2024 unter dem Vorsitz von Andrea De Priamo. Beim Angelus am 25. Juni 2023 erwähnte Papst Franziskus Emanuela erstmals seit 1983 öffentlich.
Der Ausschuss arbeitet bis heute. Am 10. September 2026 wurde die Anhörung des früheren Vatikan-Gendarmen Raoul Bonarelli, der als Schlüsselfigur zwischen beiden Fällen gilt, kurzfristig auf unbestimmte Zeit verschoben – offiziell wegen paralleler Senatssitzungen. Am selben Tag wurde bekannt, dass die Carabinieri-Spezialisten des RIS eine Querflöte untersuchen, die Emanuela gehört haben könnte. Nach mehr als 43 Jahren ist Emanuela Orlandi Italiens bekanntester Vermisstenfall – und durch die Netflix-Serie „Vatican Girl“ auch international präsent.
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