Dr. Death – Der Fall Christopher Duntsch
Jahr
2011
Ort
Dallas–Fort Worth, Texas
Land
USA
Status
Aufgeklärt
Opfer
Kellie Martin, Floella Brown, Jerry Summers, Mary Efurd, Jeff Glidewell, Philip Mayfield, Jacqueline Troy
Fallbeschreibung
Christopher Daniel Duntsch wird am 3. April 1971 in Montana geboren und wächst in Memphis, Tennessee, auf. Er studiert Medizin und Neurowissenschaften, promoviert doppelt — M.D. und Ph.D. — und gilt als aufgehender Stern der Neurochirurgie. Charismatisch, selbstbewusst, beeindruckend auf dem Papier: 2011 zieht Duntsch nach Dallas, um am Minimally Invasive Spine Institute eine florierende Praxis aufzubauen. Sein bester Freund Jerry Summers zieht sogar aus Tennessee nach Texas, um ihm dabei zu helfen. Was folgt, ist das erschreckendste Kapitel der amerikanischen Medizingeschichte der jüngeren Zeit.
Duntsch beginnt im Herbst 2011 zu operieren. Schon nach den ersten Eingriffen häufen sich Komplikationen, die weit über das in der Neurochirurgie übliche Maß hinausgehen: Schrauben, die tief in Nerven eingebohrt werden; Muskeln, die durchtrennt statt präpariert werden; Arterienverletzungen, die unbemerkt oder ignoriert werden. Patienten, die für Routine-Wirbelsäulenoperationen in den OP kommen, verlassen ihn gelähmt oder sterben. Kollegen, die zur Nachkorrektur gerufen werden, können kaum glauben, was sie sehen. Dr. Robert Henderson beschreibt den Zustand eines Patienten so: Es war, als hätte jemand wahllos Schrauben und Bastelmaterial in den Körper geworfen.
Sein erster dokumentierter Totalausfall ist die Operation an seinem eigenen besten Freund: Jerry Summers lässt sich von Duntsch wegen chronischer Nackenschmerzen nach einem Autounfall operieren — und erwacht als Querschnittsgelähmter. Duntsch soll in jener Nacht vor dem Eingriff Drogen konsumiert haben. Das Krankenhaus suspendiert ihn für einen Monat — dann wird er wieder zugelassen. Sein nächster Eingriff tötet Kellie Martin, 55, eine Grundschullehrerin aus Garland, die wegen eines Bandscheibenvorfalls behandelt werden wollte. Duntsch durchtrennt ein wichtiges Blutgefäß — und operiert weiter, obwohl Martin verblutet. Sie stirbt wenige Stunden nach dem Eingriff.
Was folgt, ist ein systemisches Versagen ohnegleichen. Duntsch wird entlassen — und in der nächsten Klinik neu eingestellt. Und in der übernächsten. Insgesamt operiert er in mindestens sechs verschiedenen Krankenhäusern im Dallas-Fort-Worth-Metroplex. Nirgendwo wird er vollständig gestoppt. Die Kliniken melden ihn nicht ordnungsgemäß an die zuständigen Behörden, weil sie Klagen fürchten oder weil sie schlicht nicht glauben wollen, was die Fakten eindeutig belegen: dass ein ausgebildeter Chirurg systematisch seine Patienten verstümmelt. In zwei Jahren verletzt Duntsch 33 von 38 Patienten schwer. Zwei sterben, mehrere bleiben dauerhaft gelähmt.
Es sind zwei Chirurgenkollegen, die ihn schließlich stoppen: Dr. Randall Kirby und Dr. Robert Henderson. Beide werden immer wieder zur Schadensbegrenzung nach Duntsch-Operationen gerufen, beide schreiben Beschwerdebriefe an das Texas Medical Board — und kämpfen monatelang gegen eine Bürokratie, die lieber zögert, als zu handeln. Kirby nennt Duntsch in einer offiziellen Beschwerde einen „Soziopathen und eine klare und gegenwärtige Gefahr für die Bürger von Texas." Am 26. Juni 2013 wird Duntsch endlich suspendiert, im Dezember wird ihm die Lizenz vollständig entzogen.
Er zieht nach Denver, Colorado. Wird wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet. Wegen Ladendiebstahls festgenommen. Meldet Insolvenz an. Im Juli 2015 — vier Monate bevor die Verjährungsfrist ablaufen würde — erhebt die Staatsanwaltschaft Dallas County Anklage. Im Februar 2017 verurteilt ihn eine Jury nach nur vier Beratungsstunden wegen vorsätzlicher Körperverletzung an der 71-jährigen Mary Efurd zu lebenslanger Haft. Es ist das erste Mal in der Geschichte von Texas, dass ein Arzt wegen seiner chirurgischen Handlungen strafrechtlich verurteilt wird. Christopher Duntsch sitzt bis heute in einem texanischen Gefängnis. Jerry Summers, der beste Freund, dem er das Rückenmark zerstörte, starb im Februar 2021 an einer Infektion — eine direkte Folge seiner Querschnittslähmung.
Quellen
Öffentliche Quellen und weiterführende Links zum Fall
Zuletzt aktualisiert: 18.07.26